Entdecken Sie das theologische Konzept der göttlichen Idee oder des Musters in Gottes Geist, das dem Schöpfungsakt vorausgeht.
Kurze Zusammenfassung
Die exemplarische Ursache beantwortet die Frage: „Gemäß welcher Idee wurde dies geschaffen?“ Sie bezieht sich auf das göttliche Muster oder den Plan im Geist Gottes, ehe die Schöpfung existiert. Theologisch bedeutet dies, dass die Welt nicht zufällig ist, sondern durch göttliche Weisheit erdacht wurde (Sprüche 3:19, Psalm 33,11), bevor sie ins Dasein gerufen wurde.
Die exemplarische Ursache, in der theologischen Literatur oft exemplarische Kausalität genannt, beantwortet eine Frage, die weder Materie, Form, Handlung noch Zweck völlig erklären können: Wie wurde dieses Ding erdacht, ehe es überhaupt existierte?
Die materielle Ursache sagt uns, woraus etwas gemacht ist.
Die Formursache sagt uns, welche Art von Ding es ist.
Die Wirkursache sagt uns, wer es ins Dasein brachte.
Die Zweckursache sagt uns, wozu es existiert.
Die exemplarische Ursache stellt eine frühere und tiefere Frage: Gemäß welcher Idee wurde es geschaffen? Sie bezieht sich auf das verständliche Muster, das Modell oder die Form, die im Geist eines intelligenten Handelnden existiert, ehe irgendein Akt des Machens geschieht. Die Schöpfung ist keine blinde Tätigkeit. Sie ist nicht zufällige Macht oder spontane Bewegung. Sie ist die Ausführung einer erkannten Ordnung. Etwas wird zuerst verstanden, dann gewollt und erst dann ins Dasein gebracht.
In theologischer Sprache bedeutet die exemplarische Ursache, dass die Schöpfung existiert, weil sie zuerst im Sinn Gottes gegenwärtig war.
Die Schrift setzt dies beständig voraus. Gott entdeckt keine Formen. Er experimentiert nicht. Er reagiert nicht auf Ungewissheit. Er schafft aus Erkenntnis. „Der Ratschluss des HERRN bleibt ewiglich, seines Herzens Gedanken für und für“ (Psalm 33,11). Was ins Dasein kommt, tut dies, weil es bereits als Absicht innerhalb des göttlichen Verständnisses existierte.
Ehe die Welt ins Dasein gesprochen wird, ist sie bereits bekannt.
Ist die exemplarische Ursache eine fünfte Ursache?
Die klassische Philosophie behandelt die exemplarische Ursache nicht als eine getrennte fünfte Kategorie neben der materiellen, formalen, wirkenden und finalen Ursache. Stattdessen fragt sie, wohin die exemplarische Ursache unter ihnen gehört. Die Schwierigkeit entsteht, weil die exemplarische Ursache alle drei berührt:
Sie ähnelt der Wirkursache, weil sie mit Wille und Handlung verbunden ist.
Sie ähnelt der Formursache, weil sie Form und Struktur als eine Idee enthält.
Sie ähnelt der Zweckursache, weil sie die Handlung auf ein bestimmtes Ende hin lenkt.
Aber sie ist mit keiner von ihnen identisch. Die Wirkursache beantwortet, wer handelt. Die Formursache beantwortet, was das Ding innerlich ist. Die Zweckursache beantwortet, wozu das Ding ist. Die exemplarische Ursache beantwortet, wie das Ding erdacht wurde, ehe es gemacht wurde.
Die exemplarische Ursache gehört zur Ordnung der Erkenntnis, nicht zur Ordnung der Materie oder Bewegung. Sie wirkt nicht innerhalb des geschaffenen Objekts. Sie wirkt im Intellekt des Schöpfers. Sie ist dem Effekt nicht innewohnend. Sie geht dem Effekt voraus.
Aus diesem Grund kann die exemplarische Ursache keine Formursache im strengen Sinne sein. Die Formursache ist dem Sein des Dinges innerlich. Die exemplarische Ursache existiert vor dem Ding und leitet seine Hervorbringung.
Noch ist sie eine Wirkursache im strengen Sinne. Die Wirkursache handelt. Die exemplarische Ursache leitet die Handlung. Sie bewegt nicht Materie; sie misst und ordnet die Tat, die Materie bewegt.
Die exemplarische Ursache und die Zweckursache
Die klassische Einsicht ist, dass die exemplarische Ursache am eigentlichsten in die Zweckursache gehört. Die Zweckursache ist das Ende, für das etwas gemacht ist. Die exemplarische Ursache ist dasselbe Ende, wie es im Intellekt existiert vor dem Akt des Machens.
Die Zweckursache zieht den Willen an. Die exemplarische Ursache strukturiert den Plan.
Sie sind zwei Aspekte einer Wirklichkeit.
In der menschlichen Schöpfung ist dies offensichtlich. Ein Architekt baut ein Haus. Das Haus existiert nicht, bis der Bau beginnt, aber seine Form existiert zuvor im Geist des Architekten. Jene gedankliche Form ist nicht die Wirkursache. Der Architekt ist es. Sie ist nicht die Formursache. Sie ist nicht innerhalb des Gebäudes. Sie ist nicht materiell. Sie ist das Ende als erdacht. Sie ist das Ziel als gewusst.
So ist die exemplarische Ursache die Zweckursache in ihrem intellektuellen Modus.
Die Schrift wendet dies vollkommen auf Gott an: „Der ich verkündige das Ende von Anfang her“ (Jesaja 46:10). Das Ende existiert in göttlicher Erkenntnis, ehe der Anfang in der Wirklichkeit existiert.
Die Schöpfung ist nicht bloß gewollt. Sie ist erdacht.
Die exemplarische Ursache und die göttliche Weisheit
Die Bibel stellt die Schöpfung als einen Akt der Weisheit dar, nicht bloß der Kraft. „Der HERR hat die Erde durch Weisheit gegründet“ (Sprüche 3:19).
Weisheit ist geordnete Erkenntnis, auf einen Zweck gerichtet. Die Schöpfung ist durch göttliches Verständnis geformt, ehe sie durch göttliche Macht geformt ist.
Johannes 1:1 drückt dies in christologischer Form aus. Das Wort existiert vor allen Dingen. Alle Dinge werden durch das Wort. Die Schöpfung ist nicht nur durch Gottes Willen verursacht. Sie ist durch Gottes Verständnis strukturiert.
Kolosser 1:16 bestätigt dies: Alles ist durch Christus und zu Christus hin geschaffen. Die Schöpfung ist exemplarisch, ehe sie wirksam ist. Sie ist gewusst, ehe sie gemacht ist. Sie ist für etwas, ehe sie etwas ist.
Die exemplarische Ursache ist daher keine philosophische Zierde. Sie ist der metaphysische Ausdruck göttlicher Weisheit.
Die exemplarische Ursache und die Freiheit
Die exemplarische Ursache bewahrt die göttliche Freiheit. Wissen zwingt nicht zum Schaffen. Gott erdacht frei und schafft frei.
Wenn die Schöpfung notwendigerweise aus der göttlichen Erkenntnis folgte, wäre die Welt eine Erweiterung Gottes. Die Schrift weist dies zurück. Die Schöpfung ist nicht Gott. Sie ist Gottes Werk.
„Der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens“ (Epheser 1:11). Ratschluss impliziert Verständnis. Wille impliziert Freiheit.
Die Schöpfung ist absichtsvoll, nicht notwendig.
Die theologische Bedeutung der exemplarischen Ursache
Die exemplarische Ursache lehrt, dass Existenz nicht zufällig ist.
Die materielle Ursache sagt: Etwas wurde aus etwas gemacht. Die Formursache sagt: Etwas hat Struktur. Die Wirkursache sagt: Etwas wurde ins Dasein gebracht. Die Zweckursache sagt: Etwas existiert aus einem Grund. Die exemplarische Ursache sagt: Etwas existierte als ein Gedanke, ehe es als ein Ding existierte.
Die Welt ist verständlich, weil sie durch Intelligenz erdacht wurde.Das Universum ist nicht nur verursacht. Es ist gewusst. Es ist gemeint. Es ist geordnet.
Ehe die Welt wirklich war, war sie bekannt. Ehe sie gemacht wurde, war sie beabsichtigt.
Das ist die tiefste Wahrheit, die durch die exemplarische Ursache ausgedrückt wird.